
Angst malt Bilder
Kennst du das? Es passiert etwas, das muss gar nichts Großes sein, und plötzlich beginnt dein Kopf, Bilder zu malen. Eben war noch alles in Ordnung, und wenige Minuten später siehst du innerlich schon das schlimmste Ende vor dir. Aus einem kleinen Schmerz wird eine schwere Krankheit. Aus einer schwierigen Situation wird eine aussichtslose Zukunft. Aus einer offenen Frage wird eine Katastrophe. Angst hat eine besondere Fähigkeit: Sie malt Bilder. Und diese Bilder wirken oft so echt, dass wir sie für die Wahrheit halten.
Meine Werkstatt
Mir ist das in den vergangenen Wochen ganz neu bewusst geworden. Viele wissen, dass ich gerne praktisch arbeite. Es macht mir einfach Freude, Dinge zu bauen oder zu reparieren. Zum einen spart es Geld, zum anderen fasziniert es mich, wenn etwas, das nicht mehr funktioniert, nun eine zweite Chance bekommt. Deshalb nehme ich immer wieder Geräte oder Gegenstände aus dem Missionswerk mit nach Hause und repariere sie in meiner Werkstatt. Dort bin ich gut ausgerüstet. Manchmal baue ich sogar Dinge, die es so gar nicht zu kaufen gibt, weil wir im Missionswerk eine ganz besondere Lösung brauchen. Das ist für mich ein wunderbarer Ausgleich zum Büroalltag.
„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott! Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit“
– Jesaja 41,10
Doch plötzlich änderte sich alles. Als wir bei unseren Kindern den Boden verlegten, riss ich mir den Meniskus im Knie. Jeder Schritt schmerzte. Kaum hatte ich begonnen, mich damit auseinanderzusetzen, kam das Nächste: Plötzlich hatte ich einen stechenden Schmerz im Auge und bemerkte, dass ich schlechter sehen konnte.
Ich ging in meine Werkstatt, schaute auf meine Werkzeuge und wurde traurig. In meinem Kopf entstand ein Bild, das immer größer wurde: „Vielleicht kannst du nie mehr hier arbeiten. Vielleicht kannst du nie mehr reparieren. Vielleicht war das jetzt der letzte Abschnitt deines Lebens, in dem du solche Dinge tun konntest.“
Gottes Lösungen
Heute weiß ich: Das war nicht Gottes Stimme. Das war meine Angst. Sie hatte begonnen, Bilder zu malen. Dabei war noch gar nichts entschieden. Die Knieschmerzen waren stark. Mehrere Ärzte machten mir wenig Hoffnung. Doch Gott hatte längst eine Lösung vorbereitet: Ein befreundeter Arzt erzählte mir von einer Behandlung, die ich bis dahin gar nicht kannte. Ich entschied mich dafür – und nach einer OP waren die Schmerzen verschwunden. Auch beim Auge kam schließlich die erlösende Nachricht: Der Augenarzt erklärte mir, dass die Beschwerden keine schwere Erkrankung seien, sondern eine altersbedingte Veränderung. Mit der richtigen Behandlung würde sich alles wieder stabilisieren. Und genauso kam es.
»Die Bilder der Angst wirken so echt, dass wir sie für die Wahrheit halten.«
Heute sehe ich wieder wie vorher, stehe wieder mit Freude in meiner Werkstatt. Das Bild, das meine Angst damals gemalt hatte – „Nie mehr bauen. Nie mehr reparieren“–, ist längst verschwunden. Rückblickend wurde mir klar: Nicht mein Knie war das größte Problem. Nicht mein Auge. Das größte Problem waren die Bilder, die meine Angst gemalt hatte.
Was wäre, wenn …
Vielleicht kennst du solche Bilder auch. Vielleicht liest du morgens die Nachrichten und hörst von Kriegen, Terror, wirtschaftlichen Krisen oder Naturkatastrophen. Vielleicht beschäftigt dich eine Diagnose. Vielleicht machst du dir Sorgen um deine Kinder oder Enkel. Vielleicht fragst du dich, wie es finanziell weitergeht oder ob du die Herausforderungen der nächsten Monate bewältigen kannst.
Fast immer beginnt Angst mit denselben drei Worten: „Was wäre, wenn …?“ Was wäre, wenn die Untersuchung schlecht ausgeht? Was wäre, wenn das Geld nicht reicht? Was wäre, wenn meine Familie zerbricht? Was wäre, wenn ich allein bleibe?
Und ehe wir es merken, läuft bei uns innerlich ein Film ab: Wir sehen Bilder, die noch gar nicht Wirklichkeit sind. Wir leiden unter einer Zukunft, die vielleicht niemals eintreten wird.
Angst malt Bilder: Genau das finden wir auch in der Bibel. Als Mose zwölf Kundschafter in das verheißene Land schickt, kommen zehn voller Angst zurück. Ja, das Land ist fruchtbar. Ja, Gott hat versprochen, dass sie es einnehmen werden. Aber ihre Angst malt größere Bilder als ihr Glaube an Gottes Verheißung. Plötzlich sind die Bewohner unbesiegbare Riesen und sie selbst nur noch „Heuschrecken“. Gott sagt: „Ich gebe euch das Land.“ Die Angst sagt: „Das schaffen wir niemals.“ Nur Josua und Kaleb glauben, dass Gottes Zusage größer ist als jede Herausforderung.
Angst malt Bilder: Vierzig Tage lang steht Goliath vor dem Heer Israels. Alle sehen denselben Riesen. Alle hören dieselben Drohungen. Für die Soldaten ist Goliath unbesiegbar. David sieht denselben Mann – aber er sieht vor allem den lebendigen Gott. Die Angst fragt: „Wer kann gegen diesen Riesen kämpfen?“ Der Glaube fragt: „Wer kann gegen den lebendigen Gott bestehen?“ Nicht Goliath ist ein anderer. Der Unterschied liegt darin, wen sie vor Augen haben.
Angst malt Bilder: Mitten auf dem See Genezareth geraten die Jünger in einen Sturm. Erfahrene Fischer sind überzeugt, dass sie sterben werden. Während sie verzweifelt Wasser aus dem Boot schöpfen, schläft Jesus. Für die Jünger ist der Sturm das Ende. Für Jesus steht fest: Auch der Sturm steht unter Gottes Herrschaft.
Angst malt Bilder: Elia hat gerade erlebt, wie Feuer vom Himmel fiel und ganz Israel Gottes Größe erkennt. Doch nur kurze Zeit später bedroht ihn Königin Isebel. Plötzlich sieht Elia nur noch Flucht, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Er glaubt sogar, er sei der letzte Mensch, der Gott noch treu geblieben ist. Doch Gott zeigt ihm, dass noch siebentausend Menschen an seiner Seite stehen. Elia sieht das Bild seiner Angst. Gott sieht die Realität.
Angst malt Bilder: Auch Petrus erlebt das. Solange sein Blick auf Jesus gerichtet ist, geht er auf dem Wasser. Doch als er auf Wind und Wellen schaut, beginnt die Angst neue Bilder zu malen. Im nächsten Moment sinkt er. Jesus ist nicht schwächer geworden. Petrus hat seinen Blick verändert.
Die entscheidende Frage
Wer malt die Bilder in deinem Herzen? Sind es die Nachrichten? Sind es deine Sorgen? Sind es die Erfahrungen deiner Vergangenheit? Oder ist es Gottes Wort?
Einer meiner Lieblingsverse steht im Buch Jesaja: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott! Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit“ (Jesaja 41,10). Ist dir aufgefallen, was Gott hier nicht sagt? Er sagt nicht: „Fürchte dich nicht, weil du niemals Schwierigkeiten erleben wirst.“ Er sagt: „Fürchte dich nicht, weil ich mit dir bin.“ Das verändert alles.
»Fast immer beginnt Angst mit denselben drei Worten: Was wäre, wenn …?«
Unsere Hoffnung gründet sich nicht auf perfekte Umstände. Unsere Hoffnung gründet sich auf einen vollkommenen Gott. Vielleicht stehst du gerade selbst vor einer Tür, die sich nicht öffnen will. Vielleicht wartest du auf einen Arzttermin, auf ein Untersuchungsergebnis oder auf eine Antwort, die dein Leben verändern könnte. Vielleicht bist du müde geworden, weil du schon so lange betest.
Dann möchte ich dir etwas zusprechen: Triff keine Entscheidungen aufgrund der Bilder, die deine Angst malt. Warte darauf, was Gott daraus macht. So oft hat er schon Wege geöffnet, wo vorher keine waren. So oft hat er Türen geöffnet, die längst verschlossen schienen. So oft hat er Menschen genau im richtigen Augenblick zusammengeführt. Auch in meinem Leben war die Lösung schon unterwegs, obwohl ich sie noch nicht sehen konnte. Könnte das bei dir genauso sein?
Wer hält den Pinsel?
Könnte das bei dir genauso sein?
> Vielleicht siehst du heute nur den Mangel. Gott sieht bereits seine Versorgung. Vielleicht siehst du nur den Schmerz. Gott sieht bereits die Heilung, die Stärkung oder die Kraft, die er dir schenken wird.
> Vielleicht siehst du nur eine Sackgasse. Gott sieht schon den Weg hindurch.
> Vielleicht siehst du nur das Ende. Gott sieht bereits den neuen Anfang.
Darum beginne deinen Tag nicht zuerst mit den Schlagzeilen dieser Welt, sondern mit den Zusagen Gottes. Je mehr dein Herz mit seinem Wort gefüllt ist, desto weniger Raum bleibt für die Bilder der Angst. Seine Verheißungen sind stärker als jede Schlagzeile. Seine Treue ist größer als jede Krise. Seine Liebe reicht weiter als deine Sorgen.
Deshalb wünsche ich dir von Herzen, dass nicht länger die Angst die Bilder deiner Zukunft malt. Gib den Pinsel deinem himmlischen Vater. Er malt mit den Farben der Hoffnung. Er malt mit der Farbe seiner Treue. Er malt mit der Farbe seiner Liebe. Und selbst wenn du heute nur einzelne Pinselstriche erkennst, sieht er längst das ganze Bild. Vertraue ihm. Eines Tages wirst du staunend zurückblicken und erkennen: Die Angst hatte viele Bilder gemalt – aber keines davon war so schön wie das, das Gott für dein Leben vorbereitet hatte.
Daniel Müller, Leiter des Missionswerk Karlsruhe
