Das Fest, das kommt

Jesus lädt uns ein, zu feiern! Wir dürfen heute schon in der Vorfreude leben auf das, was einmal vollendet wird.

Wer aufmerksam die Geschichte liest, wie Gott sein Volk Israel aus Ägypten befreit, entdeckt etwas Überraschendes: Mitten im Geschehen denkt Gott nicht nur ans Ziel, sondern er denkt auch schon ans Feiern. Noch bevor Israel Ägypten verlässt, noch bevor der Pharao seine Niederlage erkennt, ordnet Gott ein Festmahl an. Er ruft sein Volk an den Tisch, während draußen alles in Bewegung gerät: „Dieser Tag soll ein Festtag für euch sein – ein Tag zum Feiern für den Herrn“ (2. Mose 12,14). Die Befreiung beginnt nicht mit Marschbefehlen, sondern mit gemeinsamem Essen, mit Lamm und ungesäuertem Brot, mit einem Fest im Angesicht der Angst.

»Der Herr wird allen Völkern ein Festmahl bereiten – mit besten Speisen und erlesenem Wein.« – Jesaja 25,6

Festkalender

In unserer Welt sind wir anderes gewohnt: Wir leben mit Deadlines, Termindruck und Zielvorgaben. Erst die Leistung, dann die Pause. Das Erreichen der Ziele zählt – das Innehalten kommt ganz am Ende, wenn überhaupt. Bei Gott ist das Feiern ist nicht der Nachklang der Rettung, sondern ihr erster Ausdruck. Das Passafest ist Teil des Erlösungsereignisses selbst. Während das Volk noch zum Aufbruch bereitsteht – gegürtete Lenden, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand – sitzt es bereits am Tisch Gottes. Die Freiheit beginnt nicht mit Erschöpfung, sondern mit einem Empfang.

Mehr noch: Gott verändert sogar die Zeitrechnung. „Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein“ (2. Mose 12,2). Mit der Rettung richtet Gott den Kalender seines Volkes an Festzeiten aus. Nicht Pflichten strukturieren das Jahr, sondern wiederkehrende Räume des Erinnerns, Dankens und Feierns. Aus dem einen Fest wächst in Israel ein ganzer Festkalender: Passa, Wochenfest, Erntefest, Laubhüttenfest. Erlösung bedeutet nicht einfach nur Entkommen. Erlösung heißt aufatmen und aufleben. Neu zu leben: zu genießen, zu teilen und vor Gott zu feiern.

Evangelium heißt Feiern

Später fasst Jesus diese Absicht in einem einzigen Satz zusammen: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben“ (Johannes 10,10). Jesus greift Israels Kultur aus Rhythmen der Freude ganz selbstverständlich auf. Als er vom Verlorenen Sohn erzählt, endet die Geschichte nicht mit einer moralischen Belehrung, sondern mit einem Fest: „Bringt das Mastkalb und schlachtet es – wir wollen essen und fröhlich sein!“ (Lukas 15,23). Feiern ist ein Teil der Versöhnung, esgehört zum Wesen des Evangeliums. Wo Gott Leben neu schafft, wächst eine Kultur der Freude und des Dankes.

Ein Fest über allem

Bei allen Festen gibt es eines, das alle anderen überstrahlt: die Hochzeit. Kein anderes Fest bringt Menschen so sehr zum Strahlen und bündelt so viel Freude und Gemeinschaft. Es ist ein Fest voller Sehnsucht und Erwartung, voller Neubeginn und Hoffnung – ein Fest, das das ganze Leben berührt. Schon die Feste Israels tragen diesen Klang in sich, eine Ahnung, eine Verheißung für das, was kommen wird. Durch seinen Propheten Jesaja kündigt Gott schließlich ein solches besonderes Fest in der Zukunft an: „Der Herr wird allen Völkern ein Festmahl bereiten – mit besten Speisen und erlesenem Wein“ (Jesaja 25,6). Dieses große Zukunftsfest steht für die endgültige Rettung, Freude und Gemeinschaft mit ihm.

»Wer auf ein großes Fest zugeht, lebt schon vorher anders.«

Gott stellt sich darin als Bräutigam vor, dessen Herz sich freut über seine Braut. Gott ist nicht nur Gastgeber dieses Mahls. Er ist der, dessen Herz selbst jubelt über sein Volk: „Wie sich ein Bräutigam über seine Braut freut, so wird sich dein Gott über dich freuen“ (Jesaja 62,5).

Hinter diesem Jubel steht eine Beziehung, die durch alles hindurchträgt. Wie radikal diese Liebe ist, zeigt der Prophet Hosea: „Ich will dich mir verloben für immer, in Liebe und Barmherzigkeit, in Treue und Wahrheit“ (Hosea 2,21–22). Hosea erzählt wie kaum ein anderer von der tiefen Tragik menschlicher Untreue. Doch Gott zieht keine Schlusslinie unter dem Scheitern, er löst den Bund mit seinem Volk nicht – er erneuert ihn. Und Jesaja kündigt das Hochzeitsfest an, das heilen wird, was diese Welt zerbricht. Hier hört Krankheit auf. Hier endet Einsamkeit. Hier wird die Macht des Todes getilgt. Gottes Hochzeitsfest ist die vollständige Überwindung des Leids: „Er wird den Tod für immer verschlingen und alle Tränen von allen Gesichtern abwischen.“ (Jesaja 25,8) 

Jesus feiert

Jesus greift dieses große Bild auf und stellt es ins Zentrum seines Wirkens. Noch bevor Jesus öffentlich als Lehrer auftritt, wirkt er sein erstes Zeichen – nicht im Tempel, sondern auf einer Hochzeit: „Jesus ließ aus Wasser Wein werden – und der Wein war besser als der zuvor“ (Johannes 2,10). Das Reich Gottes beginnt nicht mit Gericht, nicht mit Gesetzen, sondern mit einem Hochzeitsfest.

Und auf dieses Bild kommt Jesus immer wieder zurück: „Das Himmelreich gleicht einem König, der die Hochzeit seines Sohnes ausrichtete“ (Matthäus 22,2). Der König lädt ein. Mehrfach. Großzügig. Alles ist bereit. Doch viele wollen nicht kommen. Anderes erscheint wichtiger. So legt die Einladung offen, was im Leben Vorrang bekommt. Einige verlieren sich im Gewohnten, andere reagieren sogar feindselig. Aber der König bricht die Hochzeit nicht ab. Neue Gäste werden eingeladen, „Böse und Gute“ (Vers 10) – und wer die Einladung annimmt, bleibt nicht unverändert. Die Einladung ruft in eine neue Wirklichkeit hinein.

Noch in einem weiteren Gleichnis greift Jesus das Hochzeitsmotiv auf. In Matthäus 25 erzählt er: „Zehn Jungfrauen gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen …“ (Mt 25,1). Als der Ruf ertönt: „Der Bräutigam kommt!“ (V. 6), sind nur fünf bereit. Alle sind müde, alle schlafen – denn der Bräutigam lässt auf sich warten. Wachsamkeit heißt hier nicht, immer angespannt zu sein. Schlaf darf sein. Der Unterschied liegt im Öl. Fünf haben vorgesorgt, fünf nicht. Vorbereitung geschieht nicht im Moment der Entscheidung, sondern lange davor – im Alltag. Im Vertrauen, im Dranbleiben, im gelebten Glauben. Jesus macht klar: Wer auf ein großes Fest zugeht, lebt schon vorher anders. Das bedeutet für uns: Wir leben nicht nur von dem, was gerade dringend ist, sondern von dem, was wirklich trägt. Wir investieren heute in Beziehung zu Gott, in Vertrauen und Treue im Kleinen – damit wir bereit sind, wenn es darauf ankommt.

Seitdem Gott in seinem Volk das Passafest einsetzte, gehören Feiern und die Hoffnung auf die kommende Erlösung untrennbar zusammen. Jede gottesdienstliche Feier erinnert daran: Wir stehen zwischen Einladung und Erfüllung. Das große Fest steht uns bevor. Unterdrückung, Leid und Tod haben nicht das letzte Wort. Deshalb endet die Bibel mit dem Ruf: „Lasst uns freuen und jubeln – die Hochzeit des Lammes ist gekommen!“ (Vers 7).

Thomas Inhoff, Pastor im Missionswerk Karlsruhe

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