Die unsichtbaren Grenzen unseres Glaubens

Sich ehrliche Fragen zu stellen, kann hilfreich sein – denn Gott ist größer als unsere Vorstellung von ihm!

 

Hast du schon spannende Gebetserhörungen erlebt? Oder aber viele Enttäuschungen? Bist du mit geistlich vorbildlichen Eltern aufgewachsen? Hattest du bibelfeste Jugendleiter? All das kann deine Vorstellungen von Gott geprägt haben. Vieles trägt positiv zu unserem geistlichen Wachstum bei. Manche Vorstellungen können unserem Glauben aber auch unsichtbare Grenzen setzen. Deshalb wollen wir uns hier fünf Faktoren, die unser Gottesbild geprägt haben, einmal näher anschauen.

1. Prägungen

Eltern und Jugendleiter, Pastoren, Lehrer und Seelsorger, Freunde und Autoren: Sie alle haben das Fundament unseres Glaubens gelegt. Diese Prägungen können durch und durch biblisch sein. Aber leider können sie auch Schlagseite haben und einseitig Eigenschaften von Gott betonen.

»Wie groß ist doch Gott! Wie unendlich sein Reichtum, seine Weisheit, wie tief seine Gedanken.«

– Jesaja 41,10

In der Bibel wird Gott als Helfer und Richter, als Versorger und Vater beschrieben. Manche dieser Darstellungen leiten uns im Leben stärker als andere. Problematisch wird es, wenn aus einzelnen Punkten unser ganzes Gottesbild wird: wenn er für uns nur der Versorger ist, uns aber nicht hinterfragen darf oder wenn wir ihn nur als strengen Richter sehen, aber Stellen überlesen, in denen er als liebevoller Vater beschrieben wird. Das Problem ist nie, dass Gott zu klein wäre. Aber unser innerer Rahmen kann zu klein sein.

2. Erfahrungen

Zudem haben wir eigene Erfahrungen gemacht: Gebetserhörungen, Gottes Reden, Erlebnisse mit dem Heiligen Geist können uns helfen zu wachsen. Ebenso haben Enttäuschungen und Leiderfahrungen oft Anteil an unserer geistlichen Prägung. Solche Erfahrungen können zu Grenzen werden.„Das wird sich nie ändern“, sagen wir vielleicht. Oder: „Dafür bin ich zu krank.“ Oder: „So etwas Positives passiert Menschen wie mir nicht.“ Solche Sätze beruhen oft auf echten Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben. Doch Erfahrung ist nicht dasselbe wie Offenbarung. Nur weil du etwas bisher nicht erlebt hast, bedeutet das nicht, dass Gott es niemals tun wird.

Abraham stand vor einer Wirklichkeit, die Gottes Versprechen scheinbar widersprach. Er und Sara waren alt, die Verheißung eines Kindes erschien unmöglich. Genau dort fragt Gott: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ Die entscheidende Frage lautet nicht: Kannst du dir vorstellen, wie es geht? Sondern: Wer ist Gott? Unser Glaube hängt nicht daran, ob wir einen Lösungsweg sehen, sondern daran, wem wir vertrauen.

»Gott ist größer als das Kapitel, in dem du gerade lebst.«

Vielleicht gibt es einen Bereich in deinem Leben, über den du kaum noch betest. Eine Beziehung. Eine Krankheit. Eine Berufung. Ein Mensch in deiner Familie. Ein Traum. Eine Gemeinde. Ein Projekt. Es lohnt sich zu fragen: Habe ich wirklich Frieden gefunden – oder nur aufgehört zu hoffen? Habe ich etwas Gott übergeben – oder halten mich nur meine Erfahrungen davon ab zu glauben, dass er hier noch etwas tun kann?

Vielleicht befindest du dich gerade in einem Kapitel, das du niemals gewählt hättest: Krankheit, Warten, Abschied, Neuorientierung. Ein Kapitel ist aber nicht das ganze Buch. Gott ist größer als das Kapitel, in dem du gerade lebst.

Gottes größter Sieg sah zuerst wie Niederlage aus. Am deutlichsten wurde das am Kreuz. Die Jünger sahen am Freitag ein Grab. Gott wusste, dass der Sonntag kommen würde. Die Jünger hatten eine Geschichte im Kopf. Gott schrieb eine größere.

Hiob bekam nicht auf jede Frage eine fertige Antwort. Stattdessen begegnete er neu der Größe Gottes. Auch wir fragen: Warum jetzt? Warum ich? Doch es kann sein, dass Gott uns zu einer tieferen Frage führen will: Wer bist du, Gott, mitten in dem, was ich nicht verstehe? Glaube bedeutet nicht, keine Fragen mehr zu haben. Glaube bedeutet, dass die offenen Fragen nicht größer werden als dein Vertrauen. Wir sagen gern: „Mein Problem ist groß, aber Gott ist größer.“

3. Erfolg

Auch Erfolg kann unser Denken einengen. Wenn eine Methode funktioniert hat, wollen wir sie wiederholen. Doch Gott ist nicht verpflichtet, unsere Vergangenheit zu kopieren. Dankbarkeit für gestern und Offenheit für morgen müssen zusammengehören.

4. Klare Vorstellungen


In Gesprächen stellen Isolde und ich manchmal fest, dass manche Menschen sehr klare Vorstellungen haben, wie Gott ihnen helfen soll. Sie sagen: „Wenn Gott eingreift, dann muss genau diese Tür aufgehen.“ Oder: „Er soll mir helfen, ohne dass ich selbst irgendetwas verändern muss.“ Gott ist größer als unsere Vorstellungen – und deshalb auch größer als unsere bevorzugten Lösungen.

»Manche haben sehr klare Vorstellungen, wie Gott sie führen soll.«

Manche Menschen haben auch sehr klare Vorstellungen davon, wie Gott sie führen soll: „Wenn Gott mich an dieser Stelle haben will, dann muss alles glattlaufen“. Oder: „Ich brauche eine Entscheidung – aber eigentlich will ich nur, dass er meinen Weg bestätigt.“ Mit unseren klaren Vorstellungen grenzen wir Gottes Handeln ein und übersehen, dass Gott uns vielleicht ganz anders führen will. Die Menschen, die Jesus am nächsten waren, verstanden ihn erstaunlich oft nicht. Sie hatten klare Vorstellungen davon, wie der Messias sein müsste. Jesus sprengte sie immer wieder.

5. Dein Selbstbild

Auch unser Selbstbild kann uns begrenzen. „Ich bin eben so, Punkt.“ „Ich kann das einfach nicht.“ „Meine Vergangenheit disqualifiziert mich.“ Vielleicht erklärst auch du Gott manchmal deine Grenzen, als hätte er sie übersehen.

Als Gott Mose berief, hatte dieser sofort Einwände. Wer bin ich schon? Was soll ich sagen? Ich kann nicht gut reden. Mose sah seine Schwäche. Gott antwortete mit seiner Gegenwart: Ich werde mit dir sein.

»Manchmal verändert er die Umstände. Manchmal verändert er dich.«

Gott arbeitet gern mit unwahrscheinlichen Menschen: Abraham war zu alt. Gideon hielt sich für unbedeutend. David war bei der entscheidenden Auswahl zum König nicht einmal im Raum. Petrus war impulsiv. Paulus verfolgte zunächst Christen. Vielleicht glaubst du an einen großen Gott – nur nicht im Zusammenhang mit deinem eigenen Leben. Du glaubst, dass Gott Menschen beruft. Aber dich? Dass er aus Schwäche etwas machen kann. Aber aus deiner?Lass deine eigenen Grenzen nicht Gottes Größe begrenzen!

Gott größer denken

Auf Gottes Größe zu vertrauen, bedeutet nicht automatisch mehr Erfolg, mehr Geld, mehr Einfluss zu haben oder jede gewünschte Heilung zu erleben. Manchmal öffnet Gott tatsächlich eine Tür. Manchmal gibt er dir aber auch die Kraft, die geschlossene Tür hinter dir zu lassen und weiterzugehen. Manchmal verändert er die Umstände. Manchmal verändert er dich.

Paulus bat Gott mehrfach, seinen „Stachel im Fleisch“ wegzunehmen. Doch Gottes Antwort lautete: „Meine Gnade genügt dir.“ Paulus wollte Befreiung, doch Gott gab ihm Tragkraft mitten in seiner Schwäche. Auch das ist ein größerer Gott: einer, der nicht nur rettet, indem er dich aus etwas herausführt, sondern dir darin mit seiner Gnade begegnet und dich hindurchträgt. Auch verschlossene Türen können Teil von Gottes Führung sein: Eine Bewerbung scheitert, später öffnet sich ein anderer Weg. Ein Projekt endet, und dadurch entsteht Raum für etwas Neues. Eine Beziehung zerbricht, und du lernst etwas über dich, Grenzen oder Vergebung.

Nicht jedes Scheitern ist automatisch Gottes geheime Strategie. Aber wir sollten vorsichtig sein mit dem Satz: „Jetzt weiß ich, was Gott hier tut.“ Vielleicht weißt du es noch nicht.Vielleicht betest du für eine Tür – Gott baut aber gerade schon einen neuen Raum.

Gute Fragen

Im Bemühen Gottes wahres Wesen zu erkennen, kann es an der Zeit sein, ihn zu fragen: Wo habe ich dich zu klein gemacht? Welche Erfahrungen habe ich zu Grenzen erhoben? Welche Menschen habe ich abgeschrieben? Wo habe ich aus einem „noch nicht“ ein „niemals“ gemacht? Solche Fragen machen uns nicht naiv, sondern demütig.

Zwei Wörter

Zwei kleine Worte können deinen Glauben öffnen. Das erste heißt: „noch“: Statt „Ich sehe keinen Weg“ kannst du sagen: „Ich sehe noch keinen Weg.“ Statt: „Ich verstehe nicht, was Gott tut“, kann es heißen: „Ich verstehe es noch nicht.“

Das zweite Wörtchen ist „anders“. Vielleicht antwortet Gott nicht später, sondern anders. Vielleicht sieht seine Lösung nicht so aus wie deine. Vielleicht sieht Segen anders aus. Vielleicht sieht Frucht anders aus.

Gottes Größe ist anders

Jesus hat Größe anders definiert. Als die Jünger darüber diskutierten, wer von ihnen der Größte sei, stellte Jesus ein Kind in ihre Mitte. Der Größte sollte dienen. Gottes Reich beginnt erstaunlich oft unscheinbar. Jesus sprach vom Senfkorn. Das kann ein Gespräch sein, ein Gebet, ein Mensch, eine kleine Gruppe, ein erster Schritt.

Bei der Speisung der Fünftausend sahen die Jünger nur fünf Brote und zwei Fische. Jesus begann mit dem, was vorhanden war. Vielleicht wartest du auf das, was dir fehlt, während Gott fragt: Was hast du bereits in der Hand?

»Auf Gottes Größe zu vertrauen, bedeutet nicht automatisch mehr Erfolg.«

Das gilt auch für die Zukunftsvision des Missionswerks. Wir sehen den heutigen Ist-Zustand, der schon unbeschreiblich ist. Wir dürfen mutig planen und trotzdem Raum für Gottes Überraschungen lassen.

Denn Gott ist größer.Größer als deine Probleme. Größer als deine Erfahrungen. Größer als deine Enttäuschungen. Größer als deine Fehler. Größer als deine Ressourcen. Größer als die Grenzen einer Gemeinde oder eines Missionswerks. Größer als deine Vorstellung davon, was aus deinem Leben noch werden kann.

Das ist eine der aufregendsten Einladungen des Glaubens: Du darfst Gott kennen und trotzdem weiter staunen. Du darfst mutig planen und dich überraschen lassen. Du darfst heute nur den nächsten Schritt sehen und trotzdem einem großen Gott vertrauen. Denn oft stoßen wir nicht an Gottes Grenzen. Wir stoßen an unsere Vorstellung von ihm. Und vielleicht beginnt gerade dann etwas Neues, wenn du sagen kannst: „Gott, du bist größer. Zeig mir, wo ich zu klein denke.“

Daniel Müller, Leiter des Missionswerk Karlsruhe

Ein Gebet

»Gott, zeig mir, wo ich zu klein von dir denke. Zeig mir, wo meine Erfahrungen zu Grenzen geworden sind. Bewahre mich vor naiver Wunschvorstellung, aber auch vor frommer Resignation. Lass mich mutig bitten und dir trotzdem die Antwort überlassen. Lass mich planen, ohne dich in meine Pläne einzusperren. Und wenn ich dich nicht verstehe, hilf mir, dir trotzdem zu vertrauen.«

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