
So einfach und doch so schwer
»Naht euch Gott, dann naht er sich euch.« – Jakobus 4,8
Gott ist und war noch nie kompliziert. Und doch haben wir Menschen eine erstaunliche Begabung dafür entwickelt, den Glauben kompliziert zu machen. Wir reden über Jesus, erklären ihn, verteidigen ihn, ordnen ihn ein – und verlieren dabei oft das Wesentliche aus dem Blick: seine Nähe!
Gott hat sich nicht zurückgezogen in dieser Zeit. Wenn wir seine Nähe nicht wahrnehmen, liegt das oft daran, dass wir ihn mit unseren Gedanken auf Distanz halten. Was wir vor Augen sehen, scheint für uns realer als Gottes Gegenwart, die sich uns nicht aufdrängt – wir dürfen uns auf sie einlassen.
Gottes Herzensfrage
Jesus selbst sagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Matthäus 28,20). Er ist nicht nur manchmal bei dir oder nur in starken Momenten im Gottesdienst ... sondern alle Tage! Gott ist näher, als wir es uns erlauben zu glauben. Näher als unsere Vorstellungen. Näher als unsere Worte. Näher als unser nächster Atemzug. Wenn man die Bibel nicht als Regelwerk, sondern als Beziehungsgeschichte liest, fällt etwas Erstaunliches auf: Gott beginnt nie mit Forderungen. Er beginnt mit Begegnung. Schon von Beginn an ist Gott nicht der ferne Beobachter, sondern der Suchende. Ganz am Anfang der Bibel lesen wir davon, wie Adam und Eva von der Frucht aßen, die nicht für sie gedacht war. Abends hörten sie, dass Gott im Garten unterwegs war, und versteckten sich. Gott rief nach Adam: „Wo bist du?“ (1. Mose 3,9).
Gott hat diese Frage nicht zur Kontrolle gestellt, so wie wir vielleicht rufen, wenn wir unsere Katze suchen. Gott wusste sehr wohl, wo Adam war. Es war eine Herzensfrage, eine Einladung, die auch dir gilt. Wo bist du gerade wirklich? Wo hast du dich vielleicht versteckt – vor Gott, vor anderen, vor dir selbst? Wenn wir aus der Deckung kommen, können Nähe, Beziehung und Heilung beginnen.
»Wie geht es deinem Herzen?«
Mein Freund Dirk Schröder, den ich von einem geistlichen Segeltörn kenne, stellt immer eine Frage, wenn wir uns nach einiger Zeit wieder mit den Kameraden vom Törn treffen: Wie geht es deinem Herzen? Dann erzählt jeder nicht nur von den Highlights, sondern auch von dem, was weh tut und Kraft zehrt. Selbst Dirk reiht sich da ein. Und zu so einer ehrlichen Herzenshaltung stellt sich Gott. Wo Wahrheit ausgesprochen wird, kommt er uns entgegen. Wo wir ihm unsere Schwäche zeigen, da beginnt Beziehung neu.
Gott sucht weder perfekte Antworten noch einen perfekten Lebensstil. Er sucht deine ehrliche Nähe. Es heißt schlicht und kraftvoll: „Naht euch Gott, dann naht er sich euch“ (Jakobus 4,8). Nähe ist keine Einbahnstraße. Jeder Schritt, den wir auf Gott zugehen, öffnet den Raum für seine Nähe. Gott zwingt sich uns nicht auf, aber er lässt sich finden.
Warum wir Nähe meiden
Und vielleicht ist genau das der Punkt, der uns verunsichert: Nähe ist nicht neutral. Nähe bedeutet, gesehen und erkannt zu werden. Wir zeigen uns ohne Maske und lassen Gottes Blick in unser Inneres zu. Für manche klingt Nähe schön, solange sie theoretisch bleibt. Aber echte Nähe zeigt unser Innerstes – und das ist verwundbar. Nähe konfrontiert uns mit unseren Masken, mit allen Rollen, hinter denen wir uns verstecken. Wir greifen gerne zu Strukturen, zu Systemen, zu Religiosität und Regeln, weil sie berechenbar sind. Eine tiefe Beziehung ist nicht berechenbar. Sie ist ein lebendiges Miteinander und reagiert auf das, was gerade ist.
Viele von uns haben gelernt, stark und unabhängig zu sein und alles im Griff zu haben. Ein Gott, der uns nahekommt, lädt uns ein, unsere Stärke und Unabhängigkeit aufzugeben und ihm zu vertrauen und die Führung zu übergeben. Sich der Nähe zu öffnen, heißt, Vertrauen zu wagen und sich berühren und verändern zu lassen – und Veränderung ist immer ein Risiko. Aber es lohnt sich, denn in dieser Offenheit wird Gottes Gegenwart erfahrbar und wir entdecken, dass wir getragen sind.
Viele Menschen haben kein Problem mit einem Gott, der fordert. Aber sie haben große Mühe mit einem Gott, der an ihrer Seite bleiben will, wenn sie schwach sind, und der spricht, wenn sie in seiner Nähe sind. Aber genau das ist Gottes Einladung.
In aller liebevollen und geduldigen Nähe haben wir Gott dennoch nicht in der Tasche. Er bleibt der heilige Schöpfer voller Kraft. In Jeremia 23,23 richtet sich Gott an Menschen, die behaupten, ihn zu kennen. Sie tun so, als hätten sie Gott unter Kontrolle, als sei er auf ihre Worte festgelegt. Und er fragt sie: „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, und nicht auch ein Gott, der fern ist?“ Die Antwort ist klar: Gott ist nicht entweder nah oder fern – er ist beides. Er ist nicht verfügbar, nicht berechenbar, nicht an religiöse Systeme gebunden und deshalb der Kontrolle des Menschen fern. Aber zugleich ist er gegenwärtig, persönlich, beziehungsorientiert – und damit so nah, wie uns niemand sonst sein kann.
Nähe ohne Voraussetzungen
Als Gott uns Menschen endgültig zeigen wollte, wie sehr er Nähe meint, wählte er keine neuen Zehn Gebote. Er wählte einen Körper, ein Gesicht, eine Stimme, die in unseren Alltag kam. „Das Wort wurde Mensch und lebte unter uns“ (Johannes 1,14). Jesus kam nicht, um Menschen religiös leistungsfähiger zu machen. Er kam, um ihnen Gott nahezubringen, ohne dass sie religiöse Umwege gehen mussten! Er sagt etwas Erstaunliches: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lukas 17,21). Gottes Herrschaft ist nicht weit weg, sie kommt nicht erst später, wir brauchen nicht erst spirituelle Reife. Das Reich Gottes ist mitten unter euch – JETZT! Das macht einfache Menschen frei – und religiöse Profis nervös. Denn Jesus vereinfacht alles, was Menschen verkomplizieren.
Jesus hat nie gesagt: Ändere dich, dann darfst du kommen. Er hat gesagt: „Kommt alle her zu mir, die ihr müde seid und schwere Lasten tragt. Ich will euch Ruhe schenken“ (Matthäus 11,28). Bei ihm heißt es nicht: Reiß dich zusammen! Nicht: Werd erstmal besser. Sondern: Komm zu mir. Nähe ist bei Gott keine Belohnung für einen Fortschritt, sondern der Anfang einer Veränderung. Eine Heilung beginnt dort, wo wir ehrlich werden. Darum heißt es: „Der Herr ist denen nahe, die verzweifelt sind, und rettet diejenigen, die alle Hoffnung verloren haben“ (Psalm 34,19). Gott ist dir nicht nahe, weil du richtig gut bist. Er ist dir nahe, weil du ihn brauchst.
Widerstand unseres Herzens
Warum fällt es uns so schwer, einfach da zu sein? Warum ist Stille für viele von uns anstrengender als Aktivität? Vielleicht, weil Nähe uns mit der Wahrheit konfrontiert, dass unser Wert nicht aus dem kommt, was wir tun, sondern aus dem, was wir sind. Genau dort spricht Gott uns zu: „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir“ (Jesaja 41,10). Nicht: Ich erkläre dir alles. Nicht: Ich nehme dir jede Schwierigkeit. Sondern: Ich bin bei dir!
»Mal die Klappe halten und bereit sein zu hören, ist oft der Ort tiefster Begegnung.«
Viele Christen sind müde, weil sie versuchen, Nähe zu produzieren, statt sie zu empfangen. Dabei lädt Gott uns ein: „Lasst uns also voller Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten“ (Hebräer 4,16). Mutig, voller Vertrauen und Zuversicht dürfen wir zu ihm kommen, weil er sich unsere Nähe wünscht. Ganz einfach und schlicht. Gott wohnt nicht im Komplizierten. Er braucht weder unseren religiösen Hochleistungsmodus noch unseren inneren Druck, alles richtig zu machen. Gott wohnt dort, wo wir alles loslassen und still werden: „Seid still und erkennt: Ich bin Gott“ (Psalm 46,11). Mal die Klappe halten und bereit sein zu hören, ist oft der Ort tiefster Begegnung.
Langjähriger Glaube kann – unbemerkt – von einer Beziehung zu einer Routine werden. Man weiß, wie man betet. Man weiß, wie man glaubt. Man weiß, wie man geistlich redet. Dabei merkt man nicht, dass man Gott nicht mehr braucht, sondern nur dazugehören will. Doch nicht alles, was sich sicher anfühlt, ist noch lebendig! Jesus hat seine schärfsten Worte nicht an Suchende gerichtet, sondern an Menschen, die überzeugt waren, geistlich richtig zu stehen. Sie meinten, Gott im Griff zu haben. Vielleicht besteht die größte Versuchung reifer Christen in der Illusion der geistlichen Kontrolle. Alles richtig zu machen – aber nichts mehr zu erwarten. Alles zu erklären – aber nicht mehr zu staunen. Alles zu wissen – aber nicht mehr still zu werden.
Gott flüstert: Bleib. „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch“ (Johannes 15,4). Bleib mit deinen Fragen. Bleib mit deiner Müdigkeit. Bleib mit deiner Sehnsucht. Glaube ist ein Weg, um heimzukommen im Alltagsstress. Nähe hilft dabei, uns nicht länger im Ich verstecken zu wollen. Denn letztlich gilt: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apostelgeschichte 17,28). Der Mensch macht es kompliziert. Gott macht es einfach. Und vielleicht beginnt heute für dich alles genau hier: beim Mut zu glauben, dass Gott längst da ist! Er wartet, nicht auf deine Perfektion, sondern auf dein Herz.
Daniel Müller, Leiter des Missionswerk Karlsruhe