Überfließende Freude

Entdeckungen im Philipperbrief

 

Der Urlaub beginnt, ein lang gehegter Wunsch erfüllt sich, geliebte Menschen kommen zusammen: Freude verbinden wir meist mit einem solchen Anlass, bei dem für einen Augenblick alles stimmt. Doch schon eine Nachricht, ein Konflikt oder eine unerwartete Wendung genügt und das innere Klima verändert sich auch wieder.

Freude von anderer Qualität

Wenn die Bibel von Freude spricht, meint sie eine Freude, deren Quelle tiefer reicht als der jeweilige Augenblick. Für Paulus gehört sie zu dem, was Gottes Reich ausmacht: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Römer 14,17). Paulus verortet die Quelle dieser Freude also im Heiligen Geist und damit jenseits dessen, was kommen und gehen kann.


Ausgerechnet während seiner Gefangenschaft schreibt Paulus eindrücklich über Freude. Aus seinem römischen Arrest fordert Paulus leidenschaftlich auf: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ Dabei kennt Paulus Angst, Tränen und „Traurigkeit über Traurigkeit“ (Philipper 2,27) nur zu gut. Die Freude, die er beschreibt, verdrängt seine schmerzlichen Erfahrungen nicht: Seine Bewegungsfreiheit ist verloren. Seine Pläne sind durchkreuzt. Er schreibt sogar davon, dass Menschen Jesus verkünden, um ihm zuzusetzen: „Sie wollen mir noch zusätzlich Kummer bereiten“ (Philipper 1,17). Paulus redet seine Lage nicht schön. Doch dann schreibt er: „Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise ... so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen“ (Philipper 1,18).

Christus, meine Freude

Paulus kann nicht entscheiden, was mit ihm geschieht. Aber er entscheidet, worauf er seinen Blick richtet und was für ihn wirklich zählt. Weder seine Gegner noch seine Gefangenschaft noch sein verlorener Einfluss bestimmen ihn. Über allem steht für ihn einer: Christus. Von Herzen kann er sagen: „Christus ist mein Leben“ (Philipper 1,21).

Wenn Anerkennung mein Leben ist, hängt meine Freude von den Stimmen anderer ab. Wenn Erfolg mein Leben ist, schwindet meine Freude, sobald der Erfolg ausbleibt. Wenn meine Pläne mein Leben sind, zerbricht meine Freude, sobald das Leben anders läuft. Mit diesem Blick ist unsere Freude immer nur so sicher wie das, woran wir sie hängen.

»Ich freue mich und freue mich mit euch allen. Ebenso sollt auch ihr euch freuen und sollt euch mit mir freuen.« – Philipper 2,17–18

Paulus hängt seine Freude nicht an seine Freiheit, seinen Einfluss oder daran, dass alles nach Plan läuft. Er hängt sie an Christus. Vieles kann ihm genommen werden – aber Christus bleibt.

Deshalb kann Paulus an anderer Stelle sagen, dass seine Freude selbst mitten in aller Bedrängnis überströmt (2. Korinther 7,4). Sie entspringt nicht der Bedrängnis. Ihre Quelle liegt tiefer: Paulus erkennt, was Christus mitten darin tut. Ganz ähnlich erzählt Jesus von einem Menschen, der einen Schatz im Acker findet und „in seiner Freude“ alles verkauft, um ihn zu erwerben (Matthäus 13,44). Wer Christus als den größten Schatz entdeckt, dessen Leben erhält eine neue Mitte. Freude macht sichtbar, was für uns das größte Gewicht besitzt und woran unser Herz hängt.

Freude fließt weiter

Paulus bittet die Philipper: „Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid“ (Philipper 2,2). Die Quelle seiner Freude liegt im Herrn, doch sie ist nicht von Beziehungen abgekoppelt. Die geistliche Entwicklung der Gemeinde lässt seine Freude wachsen.


Jesus beschreibt dieselbe Bewegung: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!“ Dann sagt er: „Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde“ (Johannes 15,9.11). Die Freude fließt vom Vater zum Sohn, vom Sohn zu den Jüngern und von ihnen weiter zueinander. Freude wird in der Verbindung mit Gott geboren; zur Fülle kommt sie, wenn seine Liebe durch uns andere erreicht.

»Dankbarkeit weigert sich, nur auf das zu schauen, was fehlt.«

Paulus erinnert die Philipper daran, was sie empfangen haben: Ermutigung in Christus, Trost der Liebe, Gemeinschaft des Geistes, Herzlichkeit und Barmherzigkeit (Philipper 2,1). Daraus folgt: Du hast Trost empfangen – nun tröste. Du hast Vergebung erfahren – nun vergib. Du wurdest aufgerichtet – nun richte andere auf. Empfangene Gnade will zu gelebter Gnade werden. Darum schreibt Paulus: „Ich freue mich und freue mich mit euch allen. Ebenso sollt auch ihr euch freuen und sollt euch mit mir freuen“ (Philipper 2,17–18).


Mitfreuen ist mehr als höfliches Gratulieren. Es macht das Gute im Leben des anderen zum Grund für eigene Freude: Dein Segen erfüllt auch mich; deine Freude darf auch meine Freude werden. Paulus lebt diese Haltung selbst. Obwohl er Epaphroditus im Gefängnis dringend brauchen könnte, sendet er ihn nach Philippi zurück, damit die Gemeinde ihn wiedersieht und sich freut (Philipper 2,28).

Dank als Gegenpol

Manchmal liegt unser Körper längst im Bett, während die Gedanken weiterlaufen. Wir führen Gespräche noch einmal, spielen Möglichkeiten durch und versuchen, eine Zukunft zu kontrollieren, die noch gar nicht eingetreten ist. Das Gedankenkarussell erzeugt Rotation, aber keine Richtung und erst recht keine Freude. Im Gegenteil: Sorgen können unsere Freude verdrängen.

Ein guter Gegenpol ist die Dankbarkeit. Sie behauptet nicht, dass alles gut wäre. Aber sie weigert sich, nur auf das zu schauen, was fehlt. Sie erinnert sich daran, dass Gott gegenwärtig ist, gehandelt hat und noch handelt. So öffnet sich der Blick neu für Gottes Wirklichkeit. Paulus sagt nicht einfach: „Denkt positiver.“ Er eröffnet einen Weg: „Freut euch in dem Herrn allewege ... Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden“ (Philipper 4,4–6).

Was uns sorgt, dürfen wir Gott sagen. Gebet macht aus dem endlosen Selbstgespräch wieder Beziehung – und wir erinnern uns, wofür wir Gott schon heute danken können. Dann legt sich Gottes Friede wie ein Schutz um Herz und Gedanken (Philipper 4,6–7).

Die überfließende Freude, von der Paulus schreibt, ist keine aufgesetzte Fröhlichkeit, sondern eine Freude, die uns verheißen und geschenkt ist. Sie wächst, wo Gottes Liebe unser Miteinander prägt, und bleibt bewahrt, wenn wir unsere Sorgen mit Dankbarkeit zu ihm bringen. Du musst nicht warten, bis alles stimmt. Christus ist dir nahe. Nicht das, was dich bedrängt, hat das letzte Wort. Christus hat es. Darum kann diese Freude selbst mitten in der Bedrängnis überfließen.

Thomas Inhoff, Pastor im Missionswerk Karlsruhe

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